Feuilleton
Auf der Reise durch seine Vergangenheit besuchte Neil Young das ICC und spielte ein Traumkonzert
Es war während der Berlinale, als man Neil Young in einem Kino am
Kurfürstendamm beim Betrachten seines eigenen Films beobachten konnte.
"CSNY: Déjà vu" ist eine Dokumentation, die vor zwei Jahren im Verlaufe
seiner vielleicht letzten Tournee mit den alten Gefährten Crosby,
Stills und Nash entstanden ist. Neil Young nahm im Filmpalast auf einem
Sitz am Gang Platz, er setzte sich die Brille auf, und mit den ersten
Pianoklängen der Filmmusik begann er sich leicht im Sessel zu wiegen,
vor und zurück, vor und zurück. Das blieb die gesamte Vorstellung so.
Noch ehe das Licht im Saal anging, huschte er hinaus.
Auch bei seinem Gastspiel am Dienstag im Berliner ICC konnte man
Neil Young in seinem eigenen Film betrachten, auf seiner persönlichen
"Journey Through The Past", seiner Reise durch die Vergangenheit. Die
Bühnendekoration mit alten Scheinwerfern, einer Windmaschine und
allerhand historischem Instrumentarium wirkte wie eine Kulisse aus der
Stummfilmzeit. Zeit seines Lebens ist Neil Young dabei, Abschied zu
nehmen, von der alten Musik, den alten Werten, einer Welt, wie er sie
kennt, liebt und hasst. Er hat schon als junger Mann Totenlieder
gesungen. Nunmehr, mit zweiundsechzig, wird die Sache ernst.
Als er im solistischen Teil seines Programms den "Ambulance Blues"
anstimmte, wusste man, dass man sich um dieses Konzert keine Sorge
machen muss. Wie auf einer einsamen Insel kauerte Neil Young anfangs
auf seinem Stuhl in dem riesigen Versammlungssaal, und es gelang ihm
auf mysteriöse Weise, alle Energie auf sich zu ziehen. Zur gezupften
Gitarre formulierte er sein klassisches Lamento: "Back in the old folky
days, the air was magic when we played" heißt es in diesem
monolithischen Stück vom 74er Album "On the Beach". Es folgt eine
Desillusionierung in dunkelstem Blau, die in die finstere Zeile fließt:
"You're all just pissin' in the wind, you don't know it, but you are".
Dieser Zweifel an jedwedem Sinn der Existenz lässt einen heute noch
frösteln. Ein Wunder, womöglich auch Zufall, dass Neil Young jene Phase
seines Lebens, in der ihn einige seiner besten Freunde verließen,
lebend überstand. Im Konzert sind die Geister der Vergangenheit
allgegenwärtig. All jene, denen er etwas schuldet. Partner, Musiker,
aber zum Beispiel auch ein Song wie "Sad Movies", den er schon ewig mit
sich trägt und bisher nicht veröffentlicht hat, oder der "Love Art
Blues", in dem Young eine treffende Beschreibung seiner Kunst liefert:
"My Songs are all so long and my words are all so sad". Zwischen den
Liedern schritt er von der Gitarre zum Piano und wieder zurück.
Manchmal faltete er die Hände wie ein alter Prediger, der er ja
schließlich auch ist.
Schon bald wurde klar, dass es hier nicht darum ging, ein aktuelles
Album zu promoten. Neil Young bot seinen Zuhörern, was sie immer von
ihm gewünscht hatten, aber selten bekommen sollten. Er spielte ein
Konzert ihrer Träume. Kaum neues Material, keine Politik, dafür
"Harvest", "After The Gold Rush", "Mellow My Mind" und eine
Interpretation von "A Man Needs A Maid", die einen vor lauter Unglück
fassungslos glücklich machte.
Nach der Pause kehrt Neil Young mit der elektrischen Gitarre und
seiner kleinen Begleitcombo zurück. Ralph Molina von Crazy Horse, Ben
Keith von den Stray Gators und Rick Rosas von den Blue Notes. Drei
Musiker aus drei Bands, mit denen Neil Young in den letzten vierzig
Jahren Sounds erfunden hat. Und das erste Stück, "Mr. Soul", stammt aus
den Tagen mit Buffalo Springfield, das wäre die vierte. Die Bühne wurde
nun von den Filmscheinwerfern beleuchtet, die die Szenerie in ein
warmes Licht tauchten. Der Aufstand alter Männer, zu dem sich das
Ensemble hinreißen ließ, erst zaghaft noch, dann immer entschlossener,
begann mit "Down By The River", jener fiebrigen Gitarrenimprovisation
von Youngs erstem Soloalbum. Das folgende "Hey Hey, My My" riss die
Leute parteitagsmäßig aus dem Gestühl. Der Kongress tanzte.
Neil Young tanzte auch. Es ist unvorstellbar, was er mit seiner
Gitarre anstellt - motorisch wie musikalisch - und was seine Gitarre an
ihm bewirkt. Als Greis erschienen, beendete er seine knapp dreistündige
Vorstellung als junger Mann. Nach "Powderfinger" bildete "Rockin' In
the Free World" das unheimliche Finale eines Konzerts, über das man in
Neil-Young-Kreisen noch lange reden wird. Es fällt schwer, das zu
denken, aber im Grunde war es ein grandioses letztes Mal.
Berliner Zeitung, 28.02.2008