• Berliner Zeitung, 07. Juni 2005


    Vierzig Jahre like Sisyphos
    Frank Junghänel


    Am 16. Juni 1965, wahrscheinlich nachmittags, nimmt Bob Dylan im Studio A der Columbia Records in New York City "Like a Rolling Stone" auf, einen Song, dessen Sound die Wortgläubigen verzweifeln lässt und die Fährtensucher auf Trab bringt. Das für eine Single außerordentlich lange Stück verinnerlicht Aufbruch und Heimkehr, Aggression und Melancholie, Sehnsucht und Zorn - augenblicklich und für immer. Es bietet Spielraum, doch im Grunde ist es unerklärlich. "Jeder Gran dieses Steins, jedes mineralische Aufblitzen in diesem in Nacht gehüllten Berg ist eine Welt für sich", schreibt Albert Camus 1942 in seinem Essay "Der Mythos des Sisyphos" und berührt damit ganz unabsichtlich jenen Brocken, den Bob Dylan nun seit vierzig Jahren vor sich her schiebt. Mit stoischer Betriebsamkeit wälzt der Sänger seinen rollenden Stein dort hinauf, von wo es ihn noch immer zuverlässig hinab zog. "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen", schreibt Camus. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."


    Ob wir uns Bob Dylan als glücklichen Menschen vorstellen müssen, kann Greil Marcus nicht sagen. "Es ist mir egal, ob er nett zu kleinen Hunden ist. Mich interessiert nicht, was für eine Person hinter jenem Werk steht, das meine Gedanken und mein Leben verändert hat." War nur eine Frage. Auf Bob Dylans Persönlichkeit angesprochen, wird Greil Marcus, der größte Dylanologe der Welt, schmallippig. Ja, sie hätten sich nach ihrer ersten flüchtigen Begegnung 1963 noch einmal getroffen, 1997, als Marcus bei der Vergabe eines Kunstpreises die Laudatio auf Bob Dylan hielt. Anschließend habe dieser ihn gefragt, ob er nicht einen zweiten Teil seines Buches "Invisible Republic" schreiben wolle, jenes Textes, der die Genealogie der "Basement Tapes" erforscht. "You only scratched the surface", habe Dylan zu ihm gesagt. Sie haben nur an der Oberfläche gekratzt. "Und er hatte Recht", sagt Marcus, "du kannst so tief in dieser Musik graben wie du willst, ohne jemals auf Grund zu stoßen."


    Nun war der Popkritiker, Kulturtheoretiker, Geschichtsphilosoph und Musikexperte aus dem kalifornischen Berkeley nach Berlin gereist, um sein Buch "Like a Rolling Stone" vorzustellen, das in der deutschen Ausgabe den Untertitel "Die Biographie eines Songs" trägt. Auf knapp dreihundert Seiten erzählt Marcus die Lebensgeschichte dieses Musikstücks, das die Welt zwar nicht verändert, sie aber auch nicht ganz so hinterlassen habe, wie sie vorher gewesen war. Wenn Greil Marcus schreibt, "in dem Schwall aus Wörtern und Instrumenten erkannten die Leute, dass der Song die Welt als solche neu formulierte", so sieht er es als seine Mission, ein wenig Ordnung in den Schwall aus Wörtern und Instrumenten zu bringen. Wobei er "Like a Rolling Stone" vor allem als Musikstück analysiert. "Du brauchst die Worte nicht zu verstehen, es ist klar, was sie sagen, wenn du die Stimme des Sängers hörst."


    Wie in einem Hubschrauber bewegt sich Greil Marcus in seinem Text beobachtend über Dylanscher Landschaft. Mal in der Standschwebe, wenn er zum Beispiel den Film "Masked and Anonymus" aus dem Jahr 2003, der eigentlich als unverständlich gilt, wirklich zu verstehen scheint. Mal fliegt er gedanklich ein paar Jahrzehnte voraus, mal ein Jahrhundert zurück. Greil Marcus nähert sich in ausschweifenden Bögen dem eigentlichen Moment der Schallplattenaufnahme, er verzögert das Tempo, bis er bei den historischen sechs Minuten landet. Es ist wie bei einem Dylan-Konzert, man weiß, dass "Like a Rolling Stone" noch kommt. Aber man ist schließlich nicht allein deshalb gekommen.


    Greil Marcus blendet in die Top 40 des Jahres 1965 zurück. Er beschreibt die Entstehungszeit des Songs. Die Welt der Charts veränderte sich rapide, "genauso wie die Welt der Arbeit und des Familienlebens , der Politik und des Krieges." Vietnam, Wahlrecht, Rassenkrawalle - den Soundtrack liefern "A Change Is Gonna Come" von Sam Cooke, die Rolling Stones mit "(I Can't Get No) Satisfaction", die Beatles mit "Ticket to Ride" und dazwischen jede Menge Schrott. "Das Top-40-Radio war ein Rätsel - und es war Sache des Künstlers, dieses Rätsel zu lösen." Wenn er gehört werden wollte, musste Bob Dylan etwas erschaffen, das größer, aufregender und geheimnisvoller war, als alles, was im Radio lief.

  • "Im Studio in New York City beginnt die Fanfare, mit kleinen Tönen auf dem Klavier, die wie Elfen über dem tiefen, regelmäßigen Puls einer Orgel tanzen, die du hörst, aber nicht wahrnimmst", schreibt Marcus und hebt endlich ab zu seiner seitenlangen, glänzend formulierten, gesungenen, gerappten, gehämmerten Schöpfungsgeschichte jenes Werkes, das von der Zeitschrift Rolling Stone kürzlich zum größten Popsong aller Zeiten gekürt wurde. Zu den Juroren, die ihre persönliche Top 50 einreichen durften, hatte natürlich auch Marcus gezählt. "Ich finde solche Listen blöd", sagt er. An Nummer 1 hatte er "Deadmans Curve" von Jan and Dean gesetzt, einen Surfsong von 1964, "Like a Rolling Stone" kam bei ihm auf 50."


    Was diesen Song so einzigartig macht, sagt Greil Marcus, ist sein Entstehungsprozess, der - in den Song verkapselt - bei jedem Abspielen mit zu hören sei. Niemand im Studio habe vor der Aufnahme diesen Song gekannt, nicht mal Dylan, der ihn kurz zuvor noch als Walzer auf dem Klavier geklimpert hatte. Es gab keine Noten, niemand kannte ein Arrangement; niemand wusste, wie alles enden soll und wann. Auf dem Papier standen zwanzig Strophen. Das Chaos, die Ungewissheit, hundert Jahre Musikgeschichte und die Schlagzeilen der Morgenzeitungen, die Orgel Al Koopers, der sich bei der Session ungefragt eingemogelt hatte - alles strömt in einem glücklichen Zufall wie in einem Strudel zusammen, um sich danach sofort wieder zu verplätschern.


    Der Song sei frei von Nostalgie, sagt Greil Marcus, er ist ein aktuelles Ereignis. Es ist jener erste Trommelschlag, der das besiegelt. "Sobald der Stock auf die Trommel kracht, wird die Vergangenheit abgesprengt wie eine ausgebrannte Raketenstufe." Dieser Trommelschlag, dem Greil Marcus im Buch drei Seiten widmet, ist kürzer als eine Sekunde.


    Am 5. Juni 2005, als Greil Marcus in der Berliner Volksbühne ausführlich zum Thema Bob Dylan doziert, spielt Bob Dylan in Birmingham, Alabama. Als 14. Song, letzte Zugabe ertönt: "Like a Rolling Stone".