Posts by Stu

    Wieder mal eine erstklassige Review, Stu ! :) :thumbup:

    Sach' ma ..... bist Du Journalist, Buchautor, Deutsch-Lehrer etc. ?

    Da passt ja alles ! Grammatik, Absatz-Aufteilung, Spannungsbogen :)

    Danke!

    Nein, bin ich nicht. Ich habe in den Neunzigern mal ein paar Semester Literaturwissenschaften studiert und ich lese gern, besonders über Musik. Beruflich ist Sprache allerdings schon mein wichtigstes Werkzeug. Ich arbeite in der medizinisch-beruflichen Reha psychisch beeinträchtigter Menschen (Burn-Out, etc.), gebe dort Bewerbungstraining und coache die Leute dort entsprechend.

    2.


    Danach Top Notch Versionen von“ Miss You“, bei dem der Band viel Raum zum gleichfalls lässigen wie passenden Improvisieren gegeben wird, ein ausgezeichneter „Midnight Rambler“ und ein für diese Tour hervorragendes „Paint It Black“ - hier fehlt mir Charlie wohl am meisten. Jagger macht überhaupt keine Anstalten mehr, seine Stimme für irgendwas schonen zu wollen. Warum auch, die Tour geht ja heute zu Ende. Also plappert Mick viel auf Deutsch, erzählt, dass die Stones heute ihr 118. Konzert in Deutschland spielen und reißt halbgute Jokes. Aber vor allem: Er singt ohne auch nur die leichtest angezogene Handbremse. Das ist großartig und das Publikum dankt es ihm. Und der Band. Hat Mick zu Beginn der Tour gelegentlich Teile der Refrains den Backroundsängern oder dem Publikum überlassen, macht der Chef heute alles selbst. Sehr schön.


    Nach meinem Empfinden kommt „Start Me Up“ heute sehr gut, „Gimme Shelter“ wirkt dafür auf mich nicht ganz so düster wie in München, Paris oder Gelsenkirchen. „Jumpin’ Jack Flash“ ist so zornig, Keith so aufgeladen und die Band mag gar nicht mehr aufhören den Song zu spielen.


    Verabschiedung, kurzes Innehalten, dann „Sympathy“, bei dem heute alles stimmt. Zu Beginn sind nur Percussions zu hören, dann ein bisschen Schlagzeug, ein bisschen Piano. Ganz hinten auf der Bühne hinter einem Verstärkerturm wartet Keith Richards darauf, gleich auf die Bühne zu gehen: Da habe ich ihn doch glatt beim Rauchen erwischt. Er nimmt eine paar kräftige Züge, dann Mick, dann sein Einsatz. Und dann das große Finale. „Satisfaction“. Einige Konzertbesucherinnen zeigen sich freizügig, Mick lacht, die ganze Waldbühne singt mit und dann ist es vorbei. The final bow, die letzte Verbeugung und die Band verlässt die Bühne. „Danke“ erscheint auf den Videoleinwänden und hinterlässt 22.000 Menschen, die zufrieden, glücklich und staunend die Arena verlassen. What a band!


    Und dann frage ich mich wieder: War es das letzte Stones-Konzert der Tour, das letzte in Deutschland, das letzte in Europa oder das letzte überhaupt?

    Tja, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es nicht mehr endlos so weitergehen wird. Ich gehe nun seit 32 Jahren auf Stones-Konzerte, das Konzert in der Waldbühne war Nummer 21 für mich. Wenn irgendwann keine neuen Termine für Rolling Stones Konzerte mehr verkündet werden, wird mir etwas fehlen. Denn diese Konzerte sind immer etwas ganz Besonderes, egal ob in kulturellen Metropolen wie London, Paris und Berlin oder in Langweiler-Kaffs wie Wolfsburg, Gelsenkirchen und Schüttorf. Irgendwann wird das vorbei sein. Ich mag gar nicht dran denken.

    Berlin, Waldbühne, 03.08.2022


    War es das letzte Stones-Konzert der Tour, das letzte in Deutschland, das letzte in Europa oder das letzte überhaupt?


    Die Rolling Stones in der Waldbühne. Am Tag der Bekanntgabe des Termins war klar, dass ich dabeisein musste. Nicht nur wegen des ausgefallenen Gigs in Bern für den ich auch Karten hatte. Nicht nur, weil es der Tourabschluss sein sollte. Nein, auch weil mir das Rolling Stones Konzert in der Waldbühne 2014 in toller Erinnerung geblieben ist.


    Man gönnt sich ja sonst nur sehr wenig, deshalb war für mich auch sehr schnell klar, dass ich im Pit stehen wollte. 22.000 Zuschauer, damit ist der Auftritt in der Berliner Waldbühne sozusagen das Clubkonzert der Sixty Tour, alle anderen Veranstaltungsorte waren mindestens doppelt so groß.


    Was für ein heißer Tag. Wie auch vor acht Jahren beim Konzert am selben Ort zeigte das Thermometer deutlich über dreißig Grad an. Meinen Plan, vormittags noch beim Band-Hotel vorbeizuschauen warf ich wetterbedingt kurzerhand über den Haufen. Wir waren bereits eine gute Stunde vor Einlassbeginn vor Ort und es war wirklich erstaunlich, wieviele Menschen da schon in langen Schlangen, mitten in der Sonne bei glühender Hitze darauf warteten, dass sich die Tore öffnen. Wir zogen es jedoch vor im Schatten zu stehen und dem Soundcheck zu lauschen. Ich wurde direkt unruhig. What? „All Down The Line“ und danach, sehr ausführlich „Fool To Cry“? Wow! Ich war optimistisch, dass zumindest einer der beiden Songs am Abend gespielt werden würde, haben die Stones auf der aktuellen Tour doch bisher immer mindestens einen der Soundcheck-Songs des Nachmittags dann auch beim abendlichen Gig gespielt.


    Dann Einlass. Glühende Hitze, Gedränge. Ich ging auf einen der „Stewards“ zu und fragte, welchen Eingang wir denn nehmen müssten. Wir könnten mit unseren Tickets jeden Eingang nutzen und so nahmen wir den mit der kürzesten Schlange. VIP. Und tatsächlich waren wir nach wenigen Minuten Anstehens drin. Ein Check am Merch-Stand, dann ein Wasser, dann runter in den Pit. Es ist toll, die Treppen in der Waldbühne runterzugehen und sich darüber zu freuen, dass man hier an diesem schönen Ort ein Konzert seiner Helden erleben darf. Angekommen im Pit, große Freude darüber, wie gut man wohl später sehen würde. Bloß nicht zuviel trinken, man will ja später nicht zum falschen Moment rausmüssen.


    Nach dem sich der Schatten über den gesamten Innenraum gelegt hat, gingen wir auf Keith’ Seite. Da wollten wir hin! Ich stand bisher immer auf Keith’ Seite. Schon mehrfach habe ich überlegt, mich auch mal zu Ronnie zu stellen und ich hab’s auch schon ein mal ernsthaft versucht, mich dann aber nach der Vorband dazu entschieden, doch auf die rechte Seite zu wechseln. Ich bin nun mal schon immer Keith Fan gewesen, damit will ich nicht mehr brechen.


    Vorgruppe waren die Ghost Hounds, die sich selbst offenbar richtig großartig fanden. Tatsächlich hatten sie aber nur einen Song im Gepäck, den haben sie dafür dann sieben oder achtmal hintereinander gespielt. Mittlerweile bin ich dafür, bei Stones-Konzerten keine Vorgruppen mehr auftreten zu lassen. Mich stören die meistens.


    Erste und letzte Konzerte bei Stones Tourneen sind immer etwas ganz besonderes. Toureröffnungen, weil die Dinge hier zum ersten mal passieren: größere und kleinere Veränderungen der Setlist, ein neues Bühnendesign, das ein oder andere neue Arrangement. Letzte Konzerte, weil die Band dann top eingespielt ist und sie es nicht selten nochmal richtig krachen lässt. Man denke nur an das fabelhafte letzte Konzert der Tour 81/82 in Leeds, welches der beste mir bekannte Gig dieser Jahre ist. Natürlich hoffe ich, sowas heute auch zu erleben.


    Im Vorfeld des diesjährigen Konzerts der Rolling Stones in Berlin gab es unterschiedliche Spekulationen über den möglichen Verlauf des Abends. Würde die Band - wie in Lyon und in Gelsenkirchen - möglicherweise wieder „nur“ 18 Songs spielen? Oder gar, wegen der Hitze und des gleichzeitig frühen Konzertbeginns (geplant 19:45h, zum Vergleich: in Paris begannen sie um 21:30h) vielleicht nur 17 Songs? Oder: Gibt es am letzten Termin der Tour vielleicht etwas wirklich Besonderes? Brown Sugar? Oder ist die Band froh, dass die Tour nun vorbei ist und wird der Gig heute nur halbherzig gespielt? Mir waren diese Spekulationen alle egal, wusste ich doch, dass es auf jeden Fall ein großer Abend werden würde. Immerhin waren alle 20 von mir vorher besuchten Konzerte der Rolling Stones großartig.


    Und dann ging es schon los, sogar ein paar Minuten früher. Die mich jedes mal wieder ergreifenden Bilder und Video-Snippets von Charlie zu Beginn, begleitet von „Charlie! Charlie“ rufen aus dem Pit, Keith Richards - mit cooler Sonnenbrille - trippelt ganz hinten auf der Bühne unruhig hin und her und dann schreitet er nach vorn, schlägt die Saiten zum Opener „Street Fighting Man“ an und das Publikum ist ohne Anlauf direkt auf Hochtouren. Top Einstieg, Mick Jagger spart nicht mit Kräften sondern gibt von Beginn an alles. Was würde wohl als nächstes kommen, „19th Nervous Breakdown“ wie meistens oder „Let’s Spend The Night Together“ wie auch ein paar mal? Keins von beiden. „All Down The Line“! Wot?!? Wahnsinn! Die Band voll auf den Punkt, Ronnie und Keith scheinen sich richtig über den Song zu freuen und Micks Stimme klingt gleichermaßen lässig wie kräftig. Cool. Dann „Tumblin’ Dice“, dass bei dieser Tour immer toll klang und auch heute zu den Highlights zählt. Am Ende gehen Mick, Keith und Ronnie über den Catwalk zur B-Stage, grooven, rollen und mäandern durch das Ende des Songs. Man wünscht sich, dass es einfach noch zehn Minuten so weiter geht. Und dann: „Rocks Off“! Der dritte „Exile on Main Str.“ Song nacheinander. Die Die-hard-Fans im Pit - vielleicht ein Viertel der dort Anwesenden - sind schier aus dem Häuschen. Und was für eine wahnsinnig gute und fokussierte Version von „Rocks Off“ die Band dem Publikum da heute präsentiert! Ganz anders als das Gestolpere in München, welches ich by the way aber auch toll fand. Spätestens jetzt war absolut sicher, dass die Rolling Stones heute auf dem bestmöglichen Niveau spielen würden. Top, auch und gerade die Erkenntnis, dass die Band heute eben nicht die Tour möglichst schnell zu Ende bringen wollte, sondern, dass auch heute Raritäten zum besten gegeben werden sollten.


    "Out Of Time": Ein unglaublicher Crowd-Pleaser. Der wird wohl nicht mehr von der Setlist verschwinden.


    Dann: „Fool To Cry“. Ein Gänsehautmoment, mit Sicherheit war ich nicht der einzige, der wirklich ergriffen war. Jagger singt großartig, den Refrain teils im Falsett, er geht heute volles Risiko. Ronnie und Keith spielen sehr konzentriert mit dem unbedingten Willen, heute die beste Version des Songs zu spielen. Wow. Es klingt, als würde die Band dem Publikum beweisen wollen, wie toll der Song doch ist. Wenn die Band jetzt von der Bühne gegangen wäre, hätte ich einen tollen und erfüllten Abend gehabt.


    Aber natürlich geht es weiter. Weiter mit dem besten „You Can’t Always Get What You Want“ der Tour und weiter mit dem besten „Ghost Town“ der Tour. Bei beiden Songs singen die Fans überaus motiviert mit, man merkt, wie sehr Mick Jagger es genießt, die Crowd im Griff zu haben. Und natürlich hat er das. Es gibt wohl kaum eine Fanbase, die ihren Helden so treu ergeben sind wie die Rolling Stones Fans. Mick Jagger braucht nur einmal kurz in einen Zuschauerbereich klatschen und sofort steigen Tausende ein und tun es Sir Mick nach.


    Keith lässt es bei „Honky Tonk Women“ mächtig krachen, Ronnie stolpert sich durch eineinhalb Soli, die Waldbühne kocht über. Dann die Band Introductions. Wie schon ein paar mal bei der Sixty Tour zuvor ist Jagger nicht ganz bei der Sache. Zwar hebt er Tim Ries - den er in Stockholm vergessen hat - besonders heraus und nennt seinen Namen mehrfach. Dafür vergisst er Chuck Leavell und Ronnie wird zu früh angekündigt. Okay, dann Chuck eben nach Ronnie und dann Keith, die Waldbühne tobt. Keith scheint jedes mal wieder überrascht zu sein, wieviel Zuneigung ihm entgegengebracht wird. Er freut sich, klar, wirkt aber immer auch ein klein wenig verlegen. „You Got the Silver“. Toll. Wie immer. Und dann spricht Keith Richards wie auch schon in Paris mehr als nur ein paar Standardworte. Nein, er sagt „Guten Abend“! Hat der Mann jemals bei einem Stones-Konzert etwas auf Deutsch gesagt? Dann plaudert er ein wenig und ja, tatsächlich wird der insgesamt vierte Song von „Exile On Main Str.“ heute gespielt. „Happy“, was denn sonst? Ich kann es kaum glauben. Nach Ronnies erstem Solo auf der Pedal Steel, haben sich Keith und Ronnie ein bisschen in den Takten verheddert, aber die Begleitband fängt das gewohnt souverän auf und wenige Sekunden später ist „Happy“ wieder auf Kurs. Und Keith ist schon wie die meiste Zeit der Tour so großartig bei Laune, wie man es noch nie erlebt hat. Er moderiert seine Songs an, lächelt und lacht viel und pfeffert reihenweise Plektren in die Menge.